MICHAEL/AUFERSTEHUNG: Predigttext zum 14. Februar 2021

Nachricht Rotenburg, 14. Februar 2021

Gottesdienst-Text zum 14. Februar 2021

mosaik

Predigt zum Mitnehmen am Sonntag Estomihi

Auch im Februar werden in der Michaels- und Auferstehungsgemeinde sowie in der Kirche Zum Guten Hirten keine Präsenzangebote aufgrund von Corona stattfinden. Wir werden jeden Sonntag ein Alternativangebot bereitstellen.

Pastor Relius hat für Sonntag, den 14. Februar 2021 einen Predigttext vorbereitet, den Sie zusätzlich an diesem Tag in kleiner Auflage auch ausgedruckt an den Kirchentüren der Michaels- und Auferstehungskirche finden und sich mitnehmen können.  

Predigt zu Sonntag Estomihi

Wir wünschen Ihnen einen gesegneten Sonntag und laden Sie ein, ein paar Zeilen zum heutigen Sonntag zu lesen.
Es grüßen Sie herzlich,
Pastor Peter Klindworth und Pastor Christian Relius

Vorwort
"Am Aschermittwoch ist alles vorbei..." - so klingt ein bekanntes Karnevalslied. Gemeint ist damit, dass am kommenden Mittwoch, dem 17. Februar 2021, die Fastenzeit von sieben Wochen vor Ostern eingeleitet wird.
Die Predigtgedanken für diesen Sonntag fragen danach, wie ich "richtig" fasten kann. 

Die Fürbitten weisen auf das diesjährige Fastenprojekt der Landeskirche hin.
Mit sieben verschiedenen Themen (1. Wasser, 2. sparsames Heizen, 3. vegetarische Ernährung, 4. "Digital" sein, 5. einfaches Leben, 6. anders unterwegs sein, 7. Neues wachsen lassen) bietet die Fastenaktion in jeder Woche einen anderen Ansatz an, wie wir unser Klima schonen können.  Im Internet finden Sie unter www.klimafasten.de zahlreiche Anregungen für jede Woche. Auch Broschüren werden an den Gemeinden zum Mitnehmen ausgelegt.


Predigt 
In drei Tagen, am sogenannten Aschermittwoch, ist es wieder soweit: Die traditionelle Fastenzeit vor Ostern beginnt. In Anlehnung an die vierzig Tage, die Jesus ohne Nahrung in der Wüste im Gebet zugebracht hat, nehmen viele Christinnen und Christen die Fastenzeit zum Anlass, sieben Wochen lang auf etwas zu verzichten.

Im Mittelalter bedeutete die Fastenzeit traditionell einen Verzicht auf regelmäßige Mahlzeiten (meistens war nur eine pro Tag erlaubt) und auf bestimmte Arten von Lebensmitteln - häufig Fleisch, Milchprodukte, Eier und Alkohol. Neben diesem kulinarischen Verzicht kam oft noch eine gesteigerte Hinwendung zum geistlichen Leben dazu: Vermehrtes Gebet, häufige Gottesdienstbesuche, tägliche Bibellektüre. Fasten war damit eine Art Abwendung vom Weltlichen und stattdessen eine Hinwendung zum Geistlichen, Göttlichen.

Heutzutage sind vielfältige Formen des Fastens gang und gäbe: Manche verzichten sieben Wochen lang auf Genussmittel im weitesten Sinne: Fleisch, Alkohol, Kaffee, Tabak oder Schokolade.
Andere fasten etwas "Unsichtbares", eine bestimmte Verhaltensweise oder eine eingeschliffene Gewohnheit. "Faulheit fasten" steht dann zum Beispiel für tägliche Sporteinheiten, während "Trödeln fasten" sich einen stringenten und effizienten Tagesablauf ohne Ablenkungen als Ziel setzt.
Die evangelische Kirche geht mit ihrer jährlich wiederkehrenden Aktion "Sieben Wochen Ohne" ganz ähnliche Wege und ruft jedes Jahr erneut zum Verzicht auf etwas "Unsichtbares" auf: Sieben Wochen ohne Ausreden, zum Beispiel, oder sieben Wochen ohne Lügen. Im vergangenen Jahr hieß es: "Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus," und für 2021 soll es sein: "Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden" mit der Frage, wie der Mensch innerhalb von akzeptierten Grenzen großzügig und vertrauensvoll leben kann. Auch im Hinblick auf den Klimawandel gibt es eine kirchliche Fastenaktion, die sieben Wochen lang jede Woche ein anderes Themenfeld in den Blick nimmt.

Fasten - Verzicht auf etwas, dem ich gerne fröne oder gewohnheitsmäßig nachgehe, von dem ich aber gleichzeitig insgeheim weiß, dass es eigentlich gar nicht so gut ist. 
Dabei kommt es weniger auf den konkreten Verzicht an sich an, sondern vielmehr auf die Haltung, die innere Einstellung, die man dadurch entwickelt. Wenn sich nämlich in meiner Haltung nichts bewegt, dann hat auch alles Fasten nur wenig Sinn. Wer beispielsweise an sich entdeckt, dass er zuviel Schokolade isst, dann sieben Wochen Schokolade fastet, die ganze Zeit über aber jede Menge Chips und Gummibärchen als "Ersatz" in sich hineinschaufelt, der wird nach den sieben Wochen nicht viel gewonnen haben. Mit anderen Worten: Beim Schokolade-Fasten geht es eigentlich gar nicht um die Schokolade. Ebensowenig geht es bei anderen Fasten-Themen nicht nur um das Fleisch, nicht nur um den Alkohol, nicht nur um das Faulenzen, Trödeln oder Lügen. Es geht eigentlich immer um etwas anderes. 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag zeigt das anschaulich auf. Er steht im Alten Testament, im Buch Jesaja, im 58. Kapitel. Dort heißt es: So spricht der Herr zu Jesaja: „Ruf, so laut du kannst! Lass deine Stimme erklingen, mächtig wie eine Posaune! Halte meinem Volk seine Vergehen vor, zähl den Nachkommen Jakobs ihre Sünden auf! Sie rufen Tag für Tag nach mir und fragen nach meinem Willen. Sie gehen gern zum Tempel, in meine Nähe. Weil sie sich für ein frommes Volk halten, das nach den Geboten seines Gottes lebt, darum fordern sie von mir auch ihre wohlverdienten Rechte. 
„Warum siehst du es nicht, wenn wir fasten?“, werfen sie mir vor. „Wir plagen uns, aber du scheinst es nicht einmal zu merken!“ 
Darauf antwortete ich: „Wie verbringt ihr denn eure Fastentage? Ihr geht wie gewöhnlich euren Geschäften nach und treibt eure Arbeiter noch mehr an als sonst. Ihr fastet zwar, aber gleichzeitig zankt und streitet ihr und schlagt mit roher Faust zu. Wenn das ein Fasten sein soll, dann höre ich eure Gebete nicht! Denkt ihr, mir einen Gefallen zu tun, wenn ihr euch selbst quält und nichts esst und trinkt, wenn ihr den Kopf hängen lasst und euch in Trauerkleider in die Asche setzt? Nennt ihr so etwas ‚Fasten‘? Ist das ein Tag, an dem ich, der Herr, Freude habe? 
Nein – ein Fasten, das mir gefällt, sieht anders aus: Löst die Fesseln der Menschen, die ihr zu Unrecht gefangen haltet, befreit sie vom drückenden Joch der Sklaverei, und gebt ihnen ihre Freiheit wieder! Schafft jede Art von Unterdrückung ab! Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt, und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen! Dann wird mein Licht eure Dunkelheit vertreiben wie die Morgensonne."

Beim Fasten geht es nicht um die Tat an sich.
Beim Fasten geht es darum, eine innere Haltung zu entwickeln. Ganz bewusst sich mal den inneren Schweinehund vorzuknöpfen und eine Art Bilanz für das eigene Leben zu ziehen: Ist es gut so, wie es ist? Bin ich so, wie ich sein will? Oder, aus christlicher Perspektive gesprochen: Habe ich ein ausreichendes Gespür dafür, was Gott eigentlich mit mir und meinem Leben vorhat? Oder – nie eine leicht zu stellende und zu beantwortende Frage – muss ich mich und mein Leben ändern?

Zu Jesajas Zeiten waren die Menschen sich ziemlich sicher, wie die Sache mit Gott zu funktionieren hat: Die richtigen religiösen Praktiken ausführen – Fasten, Gebet, Besuch des Tempels – dann würde Gott schon ein Einsehen haben und zu ihren Gunsten eingreifen. Den "Frommen" würde Gott schon beistehen. Durch den Mund des Propheten Jesaja lässt Gott aber etwas ganz anderes ausrichten: "Ihr fastet und gleichzeitig tut ihr euren Mitmenschen Böses an! Das ist kein Fasten, das mir gefällt. Tut Gutes stattdessen!"

Die Israeliten handeln sinngemäß nach dem Prinzip "Schokolade fasten aber gleichzeitig jede Menge Gummibärchen essen." Sie üben Verzicht und praktizieren fromme Übungen, aber gleichzeitig tun sie ihren Mitmenschen Schlechtes an. Als ob Fasten eine Art Wundermittel wäre, mit dessen Ausübung man einen bestimmten Effekt von Gott erzwingen könnte. Oder Missetaten ausgleichen könnte. Aber Gott lässt durch den Propheten Jesaja verkünden: Es geht nicht um die Handlung des Fastens an sich! Wenn ihr eure Herzen und Taten nicht ändert, sind eure "frommen" Handlungen nutzlos. 

Beim Fasten geht es nicht um den Verzicht an sich. Stattdessen geht es, denke ich, im Wesentlichen um zwei Dinge: Zum einen geht es darum, sich ein kleines bisschen mehr als sonst auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Angesichts diesen Anspruchs mögen dann "Sieben Wochen ohne Schokolade" oder "Sieben Wochen ohne Trödeln" vielleicht nur wenig spektakulär erscheinen. Tatsächlich steht dahinter aber eine innere Grundhaltung. Nämlich: Ich bin nicht perfekt. Es gibt etwas an mir, in meinem Leben, das noch besser werden kann. Wo ich noch nicht so lebe, wie es eigentlich gut wäre. Deshalb kann ich ja etwas benennen, dass es lohnt, zu fasten. Bei vielen ist das zwar nichts Gravierendes – zum Glück. Stichworte: Trödeln und Schokolade. Aber wenn es mir gelingt, mich mit solchen "Kleinigkeiten" erfolgreich auseinanderzusetzen, dann darf in mir die Hoffnung wachsen, dass es mir auch in anderen Bereichen, auch im "Großen" gelingen wird. In diesem Sinne ist ein Fastender, eine Fastende beständig auf dem Weg, am eigenen Leben, an den eigenen Sichtweisen und Gewohnheiten zu arbeiten. Oder, mit anderen Worten: Fasten kann stark im Leben machen.

Zum anderen – und das zeigt der Predigttext besonders eindrucksvoll – geht es darum, dass wir mit allem Fasten, mit allem Bestreben, "besser" zu werden, nicht auf uns alleine beschränkt sind und auch nicht letztgültig beschränkt sein sollen. Wir stehen vernetzt und verbunden in  Gemeinschaft mit anderen Menschen, mit anderen Kindern Gottes, die ebenso auf ihrem Weg durchs Leben sind wie wir selber. Gott lässt den Propheten Jesaja verkünden, wie ein Fasten aussieht, das ihm gefällt: Macht die Unterdrückten frei, unterstützt die Armen, helft denen, die in Not sind. Auf den ersten Blick ist das ein seltsames Fasten. Das Objekt des Verzichts scheint ja zu fehlen. Beim zweiten Blick fällt aber auf: Das Objekt des Verzichts ist das eigene Ego. Ein Abrücken von sich selber: Befrei nicht nur dich selbst, befrei auch deinen Mitmenschen. Sorge nicht nur für dich selber, sorge auch für die, denen es nicht so gut geht wie dir. Denn nicht nur du bist Gottes geliebtes Kind, alle Menschen sind das. Und deshalb ist es gut, daran zu arbeiten, das abzubauen, was uns voneinander trennt. Das ist bei weitem leichter gesagt als getan. Aber man kann es trainieren, einüben. An sich selber und seinen nicht ganz so guten Eigenschaften und Gewohnheiten arbeiten, Stück für Stück, im Kleinen beginnend. Dafür sind regelmäßige Fastenzeiten gute Gelegenheiten.
Amen.
Fastengebet im Hinblick auf den Klimawandel
Guter Gott, wir beten zu dir für diese Welt und ihre Menschen.
Wir bitten dich für uns und für alle, mit denen wir leben,
Menschen und Tiere, hier und an vielen Orten.
Wir rufen zu dir: Hilf uns, Herr, zur Umkehr!
Guter Gott, wir wissen, dass niemand auf dieser Erde hungern müsste,
dass die Früchte dieser Erde für uns alle reichen. Und doch hungern Menschen. 
Guter Gott, schenke uns die Einsicht, dass wir in Deutschland Hunger verursachen,
dass wir am Klimawandel unseren Anteil haben.
Wir rufen zu dir: Hilf uns, Herr, zur Umkehr!
Guter Gott, die Zukunft liegt in unseren Händen, öffne du uns die Augen für unser Handeln, 
damit unsere Kinder eine Zukunft in deiner Schöpfung haben.
Gott, lehre uns Frieden zu schließen mit der Natur – für uns,
für unsere Mitgeschöpfe, die Tiere und die Pflanzen,
für unsere Kinder.
Wir rufen zu dir: Hilf uns, Herr, zur Umkehr!
Amen.

Pastor Christian Relius

Ansprechpartner

christian relius
Christian Relius
Bischofstraße 8
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Tel.: 04261 / 833 09

Pastor der Michaelsgemeinde